213 Ressentiments

RessentimentsDas tagtägliche Lamento der herrschenden Polit-Kaste, jetzt müssten aber wirklich alle Demokratinnen und Demokraten ganz eng zusammenstehen, um sich gegen den Faschismus – nein, eigentlich nur gegen Hass im Allgemeinen –, zu positionieren, wird durch das alltägliche staatliche Handeln in Permanenz konterkariert.
Die gesellschaftliche Affirmation des autoritär-völkischen Denkens ist in Form der Verharmlosung, der Entschuldigung, der Duldung, der Kollaboration längst hegemonial geworden. Unter williger Mithilfe der bürgerlichen Journaille.
Es vergeht keine Woche, in der nicht der parlamentarische Arm der
Faschisten zu irgendeinem Alltagsrotz eingeladen, interviewt, befragt wird.
Es vergeht keine Woche, in der nicht irgendein Teil einer Institution der Judikative oder Exekutive ganz offen mit den Faschisten sympathisiert, fraternisiert oder gleich als organisierter Teil derselben in Erscheinung tritt.
Niemanden hätte das versuchte antisemitische Massaker in Halle überraschen dürfen.
Und dennoch tun alle bürgerlichen Maulhelden so, als müsse man jetzt, angesichts dieser vorgeblichen Ungeheuerlichkeit, etwas unternehmen.
Allerdings muss sich auch die sich als antifaschistisch begreifende Linke, die die Nachkriegs- und Nachwendeentwicklung Deutschlands kritisch bis antagonistisch begleitet hat, mit der Frage auseinandersetzen, was sie zu dem antisemitischen Furor in diesem Staat beigetragen hat.
Eine Linke, die keinen Begriff vom Antisemitismus in seinen unterschiedlichen Spielarten hat, wird dem auf allen gesellschaftlichen Ebenen sprießenden Faschismus nichts entgegenzusetzen haben.

Ein Radio-Feature mit Musik von Dessert Sessions, Robert Earl Keen, Siri Nilsen, Jessica Lea Mayfield, Swans und Billie Eilish.

212 Something Completely Different

Eine Sendung über DNA-Tests, Antisemiten und Nazis. Heute mit Trommelmusik von
Allison Miller, Evelyn Glennie, Cindy Blackman und Senri Kawaguchi.
PS.: Verpasst nicht „Stolz und Vorurteil – Kongress zu Identitätskonzepten und deren Fragwürdigkeit“, am 6. und 7. Dezember 2019 im Gewerkschaftshaus München.
www.stolz-und-vorurteil.net

211 Kapitalismus, Klasse und Universalismus

Stolz&Vorurteil - Kongress zu Identitätskonzepten und deren FragwürdigkeitGesellschaftliche Solidarität wird immer mehr entlang identitärer Kategorien wie Ethnie, Kultur, Community oder Religion gedacht. Die Menschen stellen sich damit immer weniger den politischen Diskursen, in denen verhandelt wird, in welcher Gesellschaft sie leben wollen. Stattdessen steht zumindest in Europa – wenn nicht sogar weltweit – immer mehr die Frage im Vordergrund: „Wer sind wir?“.  Ohne entsprechende Zugehörigkeit lässt diese Gesellschaft eine Teilhabe an ihr kaum zu. Gleichzeitig werden Menschen als zugehörig deklariert. Identität funktioniert nicht nur als Selbstzuschreibung, sondern ebenso – häufig mit verheerenden Folgen – als Fremdzuschreibung oder als gesellschaftlicher Zwangszusammenhang.

Aus dieser Einschätzung heraus entstand in unserer Redaktion die Idee, in einem größeren öffentlichen Rahmen zu diskutieren, wohin diese Entwicklungen führen, ob es einen emanzipatorischen Bezug auf Identitätskonstrukte überhaupt geben kann und inwieweit Kollektive als Klientelgruppen doch unverzichtbar für gesellschaftliche Aushandlungsprozesse und notwendige Wirkmächtigkeit sind.

Daher veranstalten wir am 6. und 7. Dezember 2019 den Kongress „Stolz & Vorurteil“ im Münchner Gewerkschaftshaus. Sollten Sie den Kongress besuchen wollen, informieren Sie sich bitte auf der Webseite www.stolz-und-vorurteil.net über das Programm und das Anmeldeprozedere.

Und als inhaltliche Einstimmung zu diesem Kongress deshalb in der aktuellen Sendung ein Auszug aus dem Buch: „Kapitalismus, Klasse und Universalismus – Auswege aus der Sackgasse postkolonialer Theorie“ von Vivek Chibber, Professor für Soziologie an der New York University. 2016 im Kölner Papy Rossa Verlag veröffentlicht als Teil von „Marx und der globale Süden“ von Felix Wemheuer. Aus dem Englischen von Ralf Ruckus und Christian Frings.

Musikalisch nehmen an der Debatte teil: Dykemann Family, Reverend Beat-Man & the Un-Believers, Delaney Davidson, Boz Boorer, HeadCat, zZz, The Legendary Shack Shakers und The Crewnecks.

210 Woodstock

Heute hören Sie das Wetter von vor 50 Jahren: ein freundlicher Sonne-Wolken-Mix, im weiteren Verlauf Starkregen und Hitze möglich. Die Textbeiträge stammen aus der New York Times vom 18. und 19. August 1969 und von der Website digitaldreamdoor.com. Und zwischendurch gibts Willie DeVille, BeGees, Arrested Development, Emiliana Torrini und viele andere.

209 Herrschaft in Zeiten sozialer Medien

Die sozialen Medien als unmittelbare Diskursräume auf genau dem intellektuellen Niveau, das ihren Teilnehmenden gerecht wird, halten – neben den wundervollen Möglichkeiten der Echtzeitkommunikation – viele Fallstricke bereit.

Die berechtigte aber zugleich auch häufig bigotte Entrüstung über die öffentliche hämische Kommentierung der Ermordung des CDU-Politikers Walter Lübcke wäre dafür ein aktuelles Beispiel.

Ein anderes findet sich in der bürgerlichen Polit-Hysterie nach dem Rezo-Video, auf das lustiger Weise der Bayerische Ministerpräsident die sinnvollste aller Antworten gefunden hat: fortan soll es in Bayern einen Influencer-Preis im Rahmen eines Youtube-Festivals geben.

Wir können uns Inhalt und Ablauf dieses medialen Geniestreichs lebhaft vorstellen. Auch wenn es Markus S. eventuell rührend ernst meint.

Folgen Sie uns in der kommenden Stunde bei dem Versuch, die neue virtuelle gesellschaftliche Realität mit den Mitteln der Kritischen Theorie zu untersuchen.

Die  Sendung basiert auf dem überarbeiteten Text „Herrschaft in Zeiten sozialer Medien“ des Autors Max Schnetker. Veröffentlicht wurde der Text im Magazin Tsveyfl – dissensorientierte Zeitschrift.

Musikalisch begleitet dabei der große Fats Waller.

208 Das Ende der Identitätspolitik

Hören Sie heute Stefan Laurins „Willkommen im Zeitalter der Postidentitätspolitik“. Der Text ist erstmals erschienen in „Die sortierte Gesellschaft. Zur Kritik der Identitätspolitik“, 2018 herausgegeben von Johannes Richardt im Novo Argumente Verlag.
Der Schriftwechsel zwischen unseren Brieffreunden Andi und Thomas ist der Versuch einer Bewertung.
Für die musikalischen Intermezzi bedanken wir uns bei Flying Lotus.

207 Ultimo und Toftau

Photo by Judeus Samson on UnsplashEin Hörspiel zu Piraterie und Identitätsschablonen…

„… Hier wird vielmehr das Fernglas umgedreht um den Blickwinkel zu erweitern und den Kontext jenseits des gewählten Ausschnittes offen zulegen …“

„… Vielleicht ist der Autor viel gewitzter als wir alle dachten. Nehmen wir an, Wolfram Lotz will gerade dadurch schockieren, dass er nicht schockiert. Nehmen wir an, ihm ist bewußt, dass sein Publikum über schockierende Beschreibungen von internationalem Elend (Somalia, Mittelmeer, …) nicht mehr zu einer Reaktion zu bewegen ist.

Nehmen wir außerdem an, dass gleiche gilt für das Aufbrechen von Identitätskonstrukten und das Benennen von Rassismus …“

Musikalisch begleitet von: The Comet Is Coming, Sons Of Kemet, LBT, Jazzrausch Bigband

206 Antifeminismus

„Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“. Simone de Beau­voir schrieb diesen Satz vor mehr als 70 Jahren. Die aktuell wieder zuneh­menden Anfein­dungen des Femi­nismus, der Gender Studies sowie die Diffa­mie­rung von Gleich­stel­lungs­po­li­tiken oder LGBTQ-Anliegen zeigen aller­dings: Beau­voirs These ist heute so brisant wie damals.
(https://geschichtedergegenwart.ch/gender-feminismus-der-rechtsnationale-ekel-vor-gleichmacherei; 2.4.2019)

Soweit, so schlecht. In der heutigen Sendung geht es in verschiedenen Texten um
Antigenderisten, starke Frauen, die Rettung der deutschen Sprache und Alphamännchen.

Matteo Modica

205 Autismus als Metapher

Zu Lieblingsfiguren der Kulturindustrie haben sich in den letzten Jahren Autistinnen und Autisten entwickelt. Nicht mit dem Ziel in Form der Darstellungen realer oder realistischer Krankheitsbilder und -biographien über Autismus aufzuklären, sondern primär als gesellschaftspolitische Metapher.

Was macht die Autismus-Metaphern so reizvoll? Und was heißt das für die vom Syndrom Betroffenen?

Ein Radio-Feature mit Musik von: Blay Ambolley, Etta James, The Specials, Diane Birch & The Phenomenal Handclap Band, Barbara Lynn, Betty Harris, Ruby Velle & The Soulphonics.