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263 Die Rückkehr der progressiven Abscheulichkeiten (Teil 1)

Susie Linfield

Im Nachgang des größten Massakers an jüdischen Menschen seit der Shoa, am 7. Oktober des letzten Jahres durch die islamistische Hamas, hat sich weltweit gezeigt, auf welche Milieus sich Jüdinnen und Juden nicht verlassen können, wenn sie gegen ihre Auslöschung kämpfen müssen: auf sich links fühlende oder sich links gerierende sogenannte Zusammenhänge, die vom Antisemitismus – zumal dem eliminatorischen – nichts wissen wollen. Wir dagegen wollen Ihnen in dieser und der darauf folgenden Sendung der Redaktion 17grad das Essay der New Yorker Professorin Susie Linfield mit dem Titel „Die Rückkehr der progressiven Abscheulichkeiten“ zur Kenntnis geben. 

Susie Linfield ist außerordentliche Professorin am Arthur L. Carter Journalism Institute der New York University und leitet dort das Programm Cultural Reporting and Criticism. Zuvor war sie Kunstredakteurin der »Washington Post«, Chefredakteurin von »American Film« und stellvertretende Herausgeberin der Zeitschrift »Village Voice«.

Ihr Beitrag erschien im Januar in der Wochenzeitung jungle world und im Original Mitte November 2023 in der australischen Online-Publikation Quillette.

In dem Essay formuliert Linfield eine Abrechnung mit den schockierenden Reaktionen der globalen Linken auf das Massaker vom 7. Oktober. 

Die Abrechnung wird ergänzt durch Beiträge von: Guts Pie Earshot, King Gizzard & The Lizard Wizard, Liturgy, Machine Head, Body Count, Municipal Waste, Death Pill, Ceremony.

256 Diversity

Daria Nepriakhina

Seit vielen Jahren hält sich im Wirtschaftsleben die Prämisse, dass so genannte „gemischte Teams“ erfolgreicher und effizienter agieren, als homogene. Die gemischten Teams sind, so geht die Erzählung, leistungsstärker und insbesondere: innovativer. Ihre Problemlösungskompetenz ist höher, ihr Beitrag zur positiven Unternehmensentwicklung ausgeprägter.

Auf welche Merkmale sich nun die Mischung bezieht, variiert dabei. Es kann um Alter, um Geschlecht aber auch um ethnische Zuordnungen und weitere Themen gehen. 

In vielen Unternehmen, aber auch in der öffentlichen Verwaltung und in Organisationen der sozialen Arbeit werden seit langem Diversity-Trainings angeboten, um die innerorganisatorische Dynamik zur Bildung derartiger gemischter Teams zu befördern. 

Die Trainings richten sich häufig an die mittlere Führungskräfteschicht und machen in der Regel Themen rund um die ethnische Zuordnung zum Schwerpunkt. Dabei wird von der simplifizierenden Grundannahme ausgegangen, dass lediglich verinnerlichte individuelle Vorurteile und Stereotype der Potentialausschöpfung gemischter Teams im Weg stehen. 

Ob diese idealtypischen Teams überhaupt erfolgreicher wären oder sind und ob die vorgelagerten Diversity-Trainings nicht ihrerseits eine kulturalistische Segregation befördern, bleibt normalerweise unbesprochen.

Der Politik- und Verwaltungswissenschaftler Dr. Sebastian Tillmann hat sich mit den Themen aus dem Blickwinkel der Organisationsforschung beschäftigt. Sein Beitrag „Diversity in der Praxis – zwischen Evidenz und Aktionismus“ ist die Basis dieser Sendung. Wer den vollständigen Aufsatz im Original lesen möchte, besorge sich den Band „Probleme des Antirassismus“ aus der Edition Tiamat. 

Besprochen wird das Thema auch mit: Queens of the Stone Age, Scott McMicken and The Ever-Expanding, My Baby, Depeche Mode, Arctic Monkeys, King Gizzard & The Lizard Wizard

255 Authentizität

Im Zuge der Auseinandersetzung mit identitären und essentialistischen Gesellschaftskonzepten von Links wie Rechts spielt ein Begriff eine wiederkehrende und erhebliche Rolle, dem wir auch in alltäglichen Sphären immer wieder begegnen: der Begriff des „Authentischen“, der „Authentizität“. Wer sich vorgeblich nicht verstellt, wer angeblich ungefiltert redet, wer seine Musik noch von Hand macht, gilt als authentisch. In vielen sozialen und politischen Milieus ist dieses Adjektiv positiv konnotiert. 

Es wird suggeriert, es gäbe einen unverrückbaren menschlichen Wesenskern, ein wahres Ich. Nicht, dass dieser Kern bei allen gleich wäre, ist die Annahme. Aber wenn sich die behauptete oder wenigstens angenommene Existenz dieses Kerns mit der Außenwirkung einer Person, ihrem Sprechen, ihrem Auftreten, ihrer Wirkung zu decken scheint, dann gilt das als authentisch und somit als gut und ehrlich.

Musikalische Eindeutigkeiten steuern bei: The Saxophones, Natalie Merchant, Bobby Bare Jr., The White Buffalo, Colter Wall, Courtney Barnett & Kurt Vile, Big Thief

Quelle: Boudewijn Boer, Malaysia

254 Die Arbeit nieder! (Teil 2)

Zweiter Teil, basierend auf dem Text des Politikwissenschaftlers Prof. Dr. Stephan Grigat über den Arbeitsbegriff von rechts bis links und warum wir nicht mehr, sondern weniger und vor allem andere Arbeit brauchen.

Foto: Pop Zebra

Die Forderungen werden unterstützt von: DJ Python; Ali Kuru; Mandy, Indiana; Andre „Suku“ Gray; Ellen Allien & Apparat; My Baby und Daniel Haaksman.

Kritik der Bedürfnisse

– Abendvortrag und Tagesseminar am 26./27.05.2023 in München

Thomas Ebermann

Menschliche Bedürfnisse werden seit den 1950er-Jahren im Zusammenhang mit dem Schlagwort von der Konsumgesellschaft diskutiert. In der Umweltdebatte spielen Forderungen nach einem anderen Konsum, weniger Konsum oder gar Konsumverzicht eine große Rolle. Vor dem Hintergrund des Ukrainekrieges forderten Politiker*innen die Bevölkerung auf, weniger zu heizen und Strom zu sparen. Im Hintergrund steht dabei immer die Frage nach wichtigen und nebensächlichen, natürlichen und künstlichen, wahren und falschen Bedürfnissen.

Referent: Thomas Ebermann, Kabarettist, Journalist und Buchautor aus Hamburg. Die Teilnahme ist kostenlos. Weitere Infos auf der Webseite des DGB Bildungswerks. In Kooperation mit den NaturFreunden München, der Rosa Luxemburg Stiftung Bayern/Kurt-Eisner-Verein und der left ecological association (Lea).

Abendvortrag: Freitag, 26.05.2023, 20:00-22:00 Uhr
Tagesseminar: Samstag, 27.05.2023, 10:00-17:00 Uhr

249 Von Ulbricht zu Erhard (Teil 1)

Sahra Wagenknecht als Brückenbauerin nach rechts

In dieser und den zwei darauf folgenden Sendungen entwerfen wir ein Triptychon zu einem allgegenwärtigen glamourösen Gespenst des Kommunismus. 

Wir beschäftigen uns mit Sahra Wagenknecht, mit ihrem ideologischen Werdegang, mit der Einordnung ihrer Kernthesen und mit der Frage, wo sie und ihre Anhänger und -innen denn im politischen Spektrum zu verorten sind.

Der Hamburger Argument-Verlag veröffentlicht in einer kleinen Reihe, die den schönen Titel „gestalten der faschisierung“ hat, die Auseinandersetzung eines Autorenkollektivs mit prominenten Personen, die zu dieser Überschrift passen. Bisher über Peter Sloterdijk, über Björn Höcke und eben über Sahra Wagenknecht. In dem ihr gewidmeten Band 2 zeichnet der Journalist Peter Bierl die Eckpfeiler des Wagenknechtschen Wirkens in der Öffentlichkeit nach. 

Musikalisch zeichnen ebenfalls: Isabella Lovestory, Ida Sand, Austra, Boys Noize & Rico Nasty, DJ Vadim feat. Sarah Jones, Leikeli47, Jenny Hval.

Bild: Danie Fanco

245 Die Metamorphosen Gottes

aus dem Nationalmuseum in Oslo

Vor kurzem hatten wir uns in der Sendung zu „Religion und Moderne“ bereits mit einer grundsätzlichen Einschätzung aktueller religiöser Entwicklungen beschäftigt. Diesen Faden wollen wir heute noch einmal aufnehmen und greifen in diesem Zusammenhang auf einen weiteren Beitrag der Zeitschrift krisis zurück, den der Autor Norbert Trenkle verfasst hat. Unter der Überschrift „Die Metamorphosen Gottes“ befasste er sich mit dem inneren Zusammenhang von Religion und Kapitalismus. Das tun wir somit in den folgenden 60 Minuten ebenso.

Spirituell begleiten uns: The Slackers, Horace Andy, Stand High Patrol, Razoof, The Nextmen, Ghanaian Stallion + King Hanny & Zex BilangiLangi, Barrington Levy, Pupajim.

238 Madonnas letzter Traum

Mehrmals wurde der deutsch-türkische Schriftsteller Doğan Akhanlı verhaftet. Zuletzt 2017 als „terörist“, wie viele Kritiker des Erdoğan-Regimes. „Akhanlı verbrachte zehn Tage in spanischer Haft und zwei Monate unter Meldeauflagen in Spanien, ehe er ausreisen durfte. Das war aber „nicht die erste und schon gar nicht die schlimmste Erfahrung, die er je mit einer Staatsmacht machen musste.“ Wie Deniz Yücel in seinem Nachruf in der Welt schrieb. 

Auf unserem Kongress zu Identitätskonzepten und deren Fragwürdigkeit, „Stolz und Vorurteil“, 2019 in München, war Doğan Akhanlı gemeinsam mit der Journalistin Cornelia Fiedler auf einem unserer Podien. Neben seinen Einschätzungen zu Identität, Ausgrenzung und Heimat hat er dort auch von seinen Erfahrungen mit Haft und Folter gesprochen. 

Am 31. Oktober 2021 verstarb Doğan Akhanlı nach kurzer schwerer Krankheit in Berlin. Er wurde nur 64 Jahre alt. Die Nachricht von seinem Tod hat uns tief getroffen.

Hier können Sie den Mitschnitt aus dem moderierten Podiumsgespräch auf unserem Kongress „Stolz und Vorurteil“ aus dem Jahr 2019 hören. 

Musik: Fixi & Nicolas Giraud und Sudan Archives

Doğan Akhanlı