Archiv der Kategorie: Radionovela

186 Sonic Warfare

Wohnen oder arbeiten Sie zufälligerweise im Karolinenviertel in Hamburg? Dann wissen Sie ja, wie es sich anfühlt, wenn viele Stunden lang mehrere Hubschrauber über Ihrem Viertel schweben. So geschehen während des G20-Gipfels. Da helfen dann auch keine Schallschutzfenster mehr.

Wir empfehlen in solchen Fälle ein Psyops-Training, also ein Training in Sachen psychologischer Kampfführung, wie es zum Beispiel Manuel Noriega in den 1960er-Jahren in Fort Bragg, dem Hauptquartier der US-Special-Forces, erhalten hatte.

Sie erinnern sich? Noriega? Das Ananas-Gesicht? Nachdem der Panamesische Machthaber bei den USA in Ungnade gefallen war, begann am 20. Dezember 1989 die US-Invasion in Panama. General Noriega flüchtete in die Päpstliche Nuntiatur, also in die diplomatische Vertretung des Vatikans. Um ihn zur Aufgabe zu zwingen, verfiel die Einheit für psychologische Kriegsführung auf die Idee, den Eingeschlossenen, dem unterstellt wurde, Rockmusik zu verabscheuen, mit Songs von unter anderem Alice Cooper und AC/DC kirre zu machen.

Viel Vergnügen mit der Sendung „Schall als Waffe“ wünschen Ihnen die Akustiker von 17grad. Und keine Sorge: es handelt sich dabei keineswegs um eine Wiederholung der Sondersendung „Vuvuzela“ von Juni 2010.

Wer mehr zum Thema „Schall als Waffe“ erfahren möchte, dem empfehlen wir wärmstens den Text „When Music Is Violence“ von Alex Ross, erschienen Juli 2016 im „New Yorker“ sowie die Vynil-Box „Martial Hauntology“, erschienen 2014 bei Audint Records.

 

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185 Lebenslanges Lernen

Lebenslanges Lernen
Photo by Simson Petrol

Liebe Zielgruppe,
wenn Peter Tauber, der Generalsekretär der Christlich Demokratischen Union, davon spricht, dass, wer etwas Ordentliches gelernt hat, nicht mehrere Minijobs gleichzeitig brauche, ist das zwar einerseits weit weg von den realen gesellschaftlichen Verhältnissen, andererseits aber spricht er nur das aus, was die mehr als große Koalition der Kapitalismus-Apologeten seit vielen Jahren pre-digt: wer den zunehmenden Unwägbarkeiten des Arbeitsmarktes begegnen will, muss lernen, lernen und nochmals lernen. Ein Leben lang.
Lebenslanges Lernen ist eines dieser Schlagworte, die suggerieren und suggerie-ren sollen, dass beruflicher und damit auch gesellschaftlicher Erfolg oder Miss-erfolg ausschließlich vom Verhalten des Individuums im kapitalistischen Ver-wertungszusammenhang abhängt.
Wer sich bildet oder weiterbildet, der bringt es zu etwas. Wer es zu nichts ge-bracht hat, ist selbst Schuld, weil er oder sie die Grundprinzipen der damit ein-hergehenden Notwendigkeiten nicht berücksichtigt hat.
Interessant an diesem Lern- und Pädagogik-Diskurs ist, dass ihn alle politischen Akteure – gleich welcher Couleur – mit dieser Ausrichtung führen.
Ob nun CDU, Sozialdemokraten, Linke oder Gewerkschaften: sie alle propagie-ren, dass Ausbildung und anschließende permanente Weiterqualifizierung Ga-rantie dafür seien, nicht durch die sozialen Maschen der kapitalistischen Gesell-schaft zu fallen. Dass diese Maschen immer löchriger werden, daran hat die So-zialdemokratie mit all ihren neoliberalen Projekten der jüngsten Vergangenheit einen nicht unerheblichen Anteil. Aber die Aushöhlung des Sozialstaats wollen sie in diesem Zusammenhang nicht thematisiert wissen.
Die Quintessenz dieser Ignoranz objektiver gesellschaftlicher und ökonomischer Verhältnisse bedeutet: wer sich dem Lerndruck verweigert oder sich nicht genü-gend anstrengt, ist an seinem dann folgenden Schicksal selbst Schuld.
Dabei unterscheiden sich die Ansätze der genannten Akteure nur in Nuancen. Die einen predigen in Verbindung mit neoliberalem Deregulierungsinteresse, dass jeder seines Glückes Schmied sei. Die anderen fordern ein Quäntchen mehr sozialdemokratischen Versorgungsstaat mit Qualifizierungsgarantie. Für alle, die dies wollen.
Eine Ablehnung dieser Unvollkommenheitslogik, dass nämlich alle Individuen permanent an sich arbeiten müssen, sie also nie auch nur annähernd ausreichend qualifiziert sind, kommt bei allen genannten Gruppierungen nicht vor. Das ist auch nicht verwunderlich, denn dazu müssten sie das System Kapitalismus ver-stehen und auch noch fundamental kritisieren wollen.
Besonders sichtbar ist dieser Kollektivbetrug der hiesigen politischen Protago-nisten beim derzeitigen Dauerthema der Arbeitspolitik: der Digitalisierung.
Während sich die Produktionsbedingungen in fast allen Branchen rasant und massiv verändern, während nicht wenige Auguren mittelfristig ein dramatischen Verschwinden von Berufen und Jobs erwarten, kontern die besagten Politiker mit der Endlosschleife „Qualifizierung wird es schon richten“. Und das, obwohl eine ganze Reihe von gefährdeten Berufsbildern bereits von hochqualifizierten Marktteilnehmern geprägt ist.
Gleichzeitig hat sich in den letzten Jahren eine ganze Erwachsenenbildungsin-dustrie entwickelt, die die Bedingungen ihres Wirkens nicht hinterfragen will oder dazu nicht in der Lage ist.
Eine ganze Generation von im herkömmlichen Sinne gescheiterten Existenzen lebt heute davon, Kurse, Coachings und betreutes Leben anzubieten. Niemand ist perfekt, alle brauchen Optimierung, Widerstand ist zwecklos.
 

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183 Populismus

Die Stunde der PatriotenLiebe Zielgruppe,

wenn man in einer polit-zotigen Stimmung wäre, könnte man glatt sagen, dass den bürgerlichen und in der Regel natürlich etablierten Parteien gerade der Arsch auf Grundeis geht. Und das europaweit. Die so genannten Populisten setzen ihnen massiv zu oder haben sie bereits aus der Regierungsverantwortung gekegelt.

Nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten geht vielen bürgerlichen Polit-Protagonisten auf, dass ihre Gestaltungsmacht auch in halbwegs stabilen gesellschaftlichen Verhältnissen kein Selbstläufer mehr ist.

Die Wahlergebnisse in Frankreich versprechen da keine Linderung.

Alle, die nicht mit einem Bündnis mit den populistischen Bewegungen liebäugeln, machen sich Sorgen. Weniger, so müssen wir unterstellen, weil sie die teils neu-faschistischen Formierungen – als die sie diese aber nicht erkennen wollen –, inhaltlich ängstigen, als vielmehr, weil ihnen hier organisatorische Konkurrenz erwächst.

Inhaltlich fällt ihnen die jeweilige Abgrenzung in den Kernthemen der so genannten Populisten äußerst schwer. Gemeinsam mit der so genannten Zivilgesellschaft versuchen sich die selbsternannten Hüter von Demokratie und Wahrhaftigkeit schon beinahe verzweifelt in eine Wettbewerbs-auseinandersetzung zu begeben, die, würden sie es ernst meinen, ihre eigenen ideologischen Grundpfeiler mehr erschüttern müsste, als es derzeit zu erkennen ist.

Heribert Prantl, seines Zeichens Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung und quasi das talkshow-erprobte zauselige Gesicht dieser Zivilgesellschaft, hat Mitte des letzten Jahres in seiner linksliberalen Tageszeitung die bürgerliche Verzweiflung und Ratlosigkeit, aber auch die Unfähigkeit zur selbstkritischen Reflexion auf den Punkt gebracht, als er sich unter der Überschrift „Mob und Mitte“ sowohl an einer Einordnung von AfD, Pegida, FPÖ & Co. versuchte, als auch eine beschämende ideologische Standortbestimmung der Demokratieverteidigung lieferte.

 

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181 Hayır

hayırLiebe Zuhörerinnen, werte Zuhörer,
am 16. April 2017 werden in der Türkei ca. 55,3 Millionen Wahlberechtigte und fast 3 Millionen türkische Staatsbürger im Ausland über ein Referendum abstimmen, das den derzeitigen Präsidenten Erdogan faktisch zum Diktator machen soll. Das Referendum wird somit noch im Ausnahmezustand, der nach dem Putschversuch vom Juli 2016 verhängt worden war, stattfinden.

Da er selbst zu ahnen scheint, dass er hin und wieder sein Brüllvieh mit dem Volk verwechselt, wird unnachgiebig jeder gejagt, der auf der Straße für ein „hayır“, ein Nein, wirbt. „Der 16. April“, so Recep Tayyip Erdoğan, „wird die Antwort auf den 15. Juli sein.“
Die Konsequenz ist ersichtlich: „Diejenigen, die ‚Nein‘ sagen, stellen sich auf die Seite der Verschwörer des 15. Juli.“ Einer von Erdoğans Prosekutoren, Cevdet Kayafoğlu, droht indessen ganz explizit, dass jedes „Nein“ einer „Unterstützung der PKK“ gleichkäme – mit den entsprechenden juristischen Konsequenzen.

Diese Sendung basiert auf Texten von Elke Dangeleit und Mustafa Sönmez sowie dem Blog cosmoproletarian-solidarity.

 

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179 Come on

Gezi Direnişi - En özel fotoğraflar Quelle: Gezi Direnişi – En özel fotoğraflar

… während die bürgerliche Presse jedweder Schattierung behauptet, die Linke sei Schuld am Erfolg der Rechten, während sich das aufgeklärte Bürgertum den Kopf zermartert, was denn gegen den Populismus im allgemeinen zu tun sei, um den Faschismus im besonderen nicht erwähnen zu müssen, während das Feuilleton schier aus dem Häuschen ist, weil eine Biographie erläutert, dass die zu den Faschisten übergelaufenen Reste der französischen Arbeiterbewegung auch zu ihrer Hochzeit lebensweltlich nicht besonders fortschrittlich agiert haben, während der globale Wahnsinn sich an keiner Stelle auch nur einen Jota abmildert:
Stellen wir fest, dass es genau jetzt an der Zeit ist, auf die Reste emanzipatorischer Prinzipien zu bestehen, schlicht dem allgemeinen Wahnsinn, der allgegenwärtigen Regression eine Programmatik des Fortschritts, sowohl im technischen als auch gesellschaftlichen Sinne entgegenzustellen.

Wir brauchen in der Tat eine politische Intervention, deren Überschriften wir uns in den kommenden Sendungen widmen wollen.

Eine Intervention, die den moralischen Prinzipien des Atheismus, des Feminismus, des Kommunismus verpflichtet ist.

Eine derartige Programmatik müsste sich den Fragen der Ökonomie und damit der Kritik des kapitalistischen Verwertungsprinzips widmen, sie müsste sich mit gesellschaftspolitischen Fragen beschäftigen, von der Desavouierung des regionalistischen Hinterwäldlertums bis hin zu Forderungen nach und Definition von sozialem Fortschritt.

Sie müsste sich in aller Schärfe mit religiösem Aberglauben und Wahn auseinandersetzen und auf die Errungenschaften der Aufklärung pochen.

Sie müsste Ideologiekritik wieder in den Fokus politischer Auseinandersetzung rücken und sich gegen Antisemiten, Nationalisten und Ethnopluralisten von rechts bis links positionieren und sie müsste ihrer Organisation nach supranational verfasst sein, also die Einschränkungen nationaler und völkischer Politikkonzepte zurückweisen und diese organisierte und gegebenenfalls sich sogar als wählbar anbietende Intervention müsste gleichzeitig der Versuchung widerstehen, sich das aktuelle Potential an kritischem Bewusstsein schön zu reden oder herbei zu fantasieren.

Lars Quadfasel, Mitglied der Hamburger Studienbibliothek, hat in der Zeitschrift konkret kurz nach der Trump-Wahl in den USA die Hinter- und Beweggründe einer derartigen – nennen wir sie: Volksentscheidung erläutert. Die beschriebenen Grundprinzipien sind ohne Probleme auf andere Gesellschaften übertragbar. …
 

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178 Überall: Season 3

Ab Januar 2017 werden wir im Rahmen unserer monatlichen Produktionen endlich die Folgen der vierten und letzten Staffel „Überall – DIE Radionovela“ senden. Um euch allen den Anschluss zu erleichtern – immerhin liegt die Ausstrahlung der vorhergehenden Staffeln doch schon etwas zurück – bringen wir in dieser Stunde 17grad eine Zusammenfassung der 1. und 2. sowie die komplette 3. Staffel zu Gehör. Ihr wisst ja: Dies ist ihre Geschichte, und so oder so ähnlich trägt sie sich zu. Täglich. Überall.

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176 Graue Wölfe

Faşizme geçit yok!

Während einem beim Diskurs um die deutsche Leitkultur an allen Ecken das reaktionäre Milieu seiner Wortführer entgegenschlägt, gibt es auch eine nicht ganz so auf deutsche Tradition rekurrierende Variante der Identitätspolitik. Bei dieser, dem essentialistischen Ethnopluralismus, fällt die Verortung deutlich schwerer, denn hier tummelt sich sowohl links als auch rechts.

Wie wir in unseren letzten beiden Sendungen unserer dreiteiligen Reihe bereits berichteten, finden wir bei dieser politischen Denkrichtung neben identitären Faschisten auch sich links wähnende Critical Whiteness-Apologeten, neben paternalistischen grünbürgerlichen Exotikfans auch linksreaktionäre Kulturrelativisten. Allen ist gemeinsam, dass sie Kulturen – nicht mehr Rassen – einen von ihnen definierten Raum zuweisen wollen. Auch im geografischen Sinne.

Diese Weltsicht droht – nicht nur im Zuge der in Europa diskutierten Fluchtbewegungen – hegemonial zu werden. Sie ist dabei kein Ideologieprivileg deutscher Identitärer, sondern wird allerorten vertreten und befeuert.

Während vor wenigen Jahren in linken Milieus noch der kulturelle Wandel zwischen den Welten und Zuschreibungen verhandelt wurde, geht es heutzutage um Abgrenzung, um Ausgrenzung, um Begrenzung. Dass die Preisgabe des emanzipatorischen Diskurses über die Abschaffung identitärer Konzepte dabei auf das Wohlwollen organisierter Faschisten trifft, ist nicht verwunderlich. Verwunderlich ist eher, dass die sich abzeichnende ideologische Melange auf Basis des Ethnopluralismus nicht schärfer kritisiert wird. Zumindest von Gruppen, die es besser wissen müssten.
 

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157 Streik

Diese Sendung beschäftigt sich ebensowenig mit Sitz-, Schüler- oder Gebärstreiks, Hunger-, Steuer- und Verbraucherstreiks, wie mit Liebesentzug und Beischlafverweigerung.
Wir sprechen auch nicht über die Rührei-Theorie und die Mohawk-Valley-Formel.
Ebenfalls nicht ins Programm geschafft hat es leider der Pyramidenfacharbeiterstreik vom 4. November 1159 vor unserer Zeitrechnung in Theben/West.
Zu unserem größten Bedauern wird es uns auch nicht möglich sein, näher auf den Angriff der Bundesregierung auf die Tarifautonomie und damit einen der größten Angriffe auf die Arbeiterbewegung in diesem Jahrhundert einzugehen, weshalb wir diesen Umstand jedoch zumindest ausdrücklich hier an prominenter Stelle erwähnt wissen wollen.
Freuen Sie sich jedoch auf eine Stunde Kampf statt Kokolores.

DerStreik

 

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156 Körperwerte

Allmorgendlich tragen viele von uns, die gezwungen sind einer Lohnarbeit nachzugehen, ihre Haut zu Markte – und häufig leider nicht einmal allzu teuer. Doch nicht nur der arbeitende Mensch wird einer Verwertungslogik unterworfen, ebenso sein Körper. Machen sie sich mit uns auf in die bunte Welt der Organmärkte, der Versicherungswerte, der abgesägten Finger und geraubten Nieren. Wir laden sie ein auf eine Butterfahrt der Eingeweide und schlendern mit ihnen über den Pharmaziestrich.

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155 Dschihad 2

Foto: Bundesarchiv, Deutsche Truppen in SyrienNachdem wir in der ersten Folge unseres Zweiteilers darüber berichtet haben, wie das deutsche Kaiserreich im Zuge des Ersten Weltkriegs gemeinsam mit der Türkei mehrere hundert Millionen Muslime zum so genannten Heiligen Krieg gegen Engländer und Franzosen aufrief, wollen wir Ihnen, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, heute einen Überblick über die deutschen Dschihad-Aktivitäten in anderen arabischen und asiatischen Staaten geben.

Foto: Bundesarchiv, Deutsche Truppen in Syrien

 

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