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235 Leben ohne zu warten Teil 1

„Weder einer Partei noch einer Gruppe zugehörig. Außerhalb. Wir gehen – als Individuen, ohne den rettenden und blind machenden Glauben. Unser Ekel vor der Gesellschaft bringt keine unabänderlichen Überzeugungen hervor. Wir kämpfen aus der Freude am Kampf und ohne den Traum einer besseren Zukunft zu träumen. Was geht uns das Morgen an, das erst in einigen Jahrhunderten sein wird? Was gehen uns die Großneffen an! AUSSERHALB aller Gesetze, aller Regeln und aller Theorien – sogar der anarchistischen -, vom jetzigen Augenblick an, sofort, wollen wir uns unseren Gefühlen des Mitleids und des Zorns, unserer Wut und unseren Instinkten hingeben – mit dem Stolz, wir selbst zu sein.“ (L’Endehors No.34 – 27.12.1891)

In der Reihe 17grad Vorgelesen präsentieren wir heute, mit freundlicher Genehmigung von Hanna Mittelstädt (Nautilus/Nemo Press) – den 1. Teil von „Leben ohne zu warten – von Mazas nach Jerusalem“ von Zo d’Axa.

231 Dreihundert Meter

Am 27.06.2001 wurde in Hamburg Süleyman Taşköprü Opfer eines rassistischen Mordes.

Süleyman Taşköprü ist das dritte der zehn bekannten Mordopfer des NSU, jenem rechtsterroristischem Netzwerk, welches bis zu seiner Selbstenttarnung 2011 außerdem für 43 Mordversuche, drei Sprengstoffanschläge und 15 Raubüberfälle verantwortlich zu machen ist.

Auch nach dem Ende des Prozesses gegen Beate Zschäpe und einige wenige NSU-Unterstützer sind weder die Hintergründe der Tat noch der NSU-Komplex aufgeklärt, und viele Fragen bleiben offen.

Die von institutionellem Rassismus geleiteten Ermittlungen der Sicherheitsbehörden, die falschen Verdächtigungen der Polizei und deren unkritische, stigmatisierende Übernahme durch die Medien, sowie die bereitwillige Akzeptanz dieser Erklärungen durch die Gesellschaft, machen deutlich, dass wir beim Thema Nationalsozialistischer Untergrund nicht allein von staatlichem Versagen sprechen müssen, sondern von einem gesellschaftlichen.

Auch in Hamburg muss ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss eingerichtet werden, wie er bislang von der Hamburgischen Bürgerschaft verweigert wurde. Im Zuge dessen müssen auch die Akten des Hamburger Landesamts für Verfassungsschutz und die Verstrickungen in die Szene mit V-Personen offengelegt werden. Die Familie Taşköprü muss für die institutionell rassistischen Ermittlungen und die erlittene Rufschädigung angemessen von der Stadt Hamburg rehabilitiert und entschädigt werden. Zukünftig müssen Polizei und Staatsanwaltschaft bei Gewaltverbrechen gegen Migrant_innen und People of Color von einem rassistischen Hintergrund ausgehen bis das Gegenteil bewiesen ist.

Im Folgenden hört Ihr ein Interview, das wir mit Caro Keller von NSU-Watch geführt haben.

In Gedenken an Süleyman Taşköprü, ermordet vor 20 Jahren durch den NSU.

229 Kleine Ortskunde

Ihr geht raus, ins Freie. Schlagt aufs Geratewohl eine Richtung ein und schlendert ziellos durch die Gegend. Ihr lasst euren Blick schweifen. Lauter Orte: Hier ein Haus, da eine Straße, dort eine Grünanlage. Dies ist der öffentliche Raum.

Der eine Ort darin ist bedeutungslos, ein anderer wiederum steckt voller Bedeutung; der eine Ort nur für euch wichtig, ein anderer Symbol für das Gute, Schöne und Wahre – oder für Niedertracht, Lüge und Völkermord.

Der öffentliche Raum ist voller Symbole und Erinnerungen. Diese sind teils ohne unser Zutun gewachsen, teils gezielt geschaffen worden: durch das Anbringen von Informationstafeln, durch das Errichten von Denk- oder Mahnmälern, durch den Wiederaufbau von Gebäuden oder die Rekonstruktion eines Ortes.

Wie umgehen mit Orten der Erinnerung? Viel Vergnügen bei unserer „Kleinen Ortskunde“ wünschen die Raumdeuter_innen von 17grad.

Die Musik-Passagen stammen vom Album „Music from a Frontier Town“ von Michaela Melián.

227 Conspiracy Theory

„Wenn mit anderen Worten eine so offensichtliche Fälschung wie die Protokolle der Weisen von Zion von so vielen geglaubt wird, dass sie die Bibel einer Massenbewegung werden kann, so handelt es sich darum zu erklären, wie dies möglich ist, aber nicht darum, zum hundertsten Male zu beweisen, was ohnehin alle Welt weiß, nämlich, dass man es mit einer Fälschung zu tun hat.“ (Hannah Arendt)

Mit Musik vom Label Amphetamin Reptile Records.

225 Armut

An der Hamburger Universität gibt es eine sogenannte Schuldenuhr. Diese spiegelt die aktuelle Verschuldung der Hansestadt wieder und setzt sie ins Verhältnis zum Vermögen der reichsten zehn Prozent der Hamburger Bevölkerung. Am 13.10.2020 betrug die Verschuldung 44,5 Milliarden, das Vermögen der reichsten zehn Prozent 212,5 Milliarden. Also ist genug Kapital da, es steckt nur in den falschen Taschen.

Musikalisch durch die Sendung begleiten uns Motörhead, Carter The Unstoppable Sex Machine, Gang of Four, Rikki and the Last Days of Earth, Dexy’s Midnight Runners und The Pogues.

222 Kommando Spezialkräfte

Wir schreiben das Jahr 1996. Die britische Boygroup „Take That“ gibt ihre Trennung bekannt. Die Nachricht bringt tausende Fans in einem Ausmaß aus dem Gleichgewicht, so dass in mehreren Ländern (auch in Deutschland) aufgrund der völligen Überlastung von Notfall-Telefonen gesonderte Seelsorge-Hotlines eingerichtet werden müssen, um mit der bis hin zu Suizidgedanken reichenden Verzweiflung der Jugendlichen angemessen umgehen zu können.

Im selben Jahr wird das Kommando Spezialkräfte der Bundeswehr (KSK) aufgestellt. Die Folgen werden ähnlich unmittelbar deutlich, auch wenn sie anfangs auf deutlich weniger Interesse stoßen.

Tatsächlich sind rechtsextreme Umtriebe beim KSK keine neue Erscheinung, die es erst seit 2017 in Reihen der bisher streng abgeschotteten Truppe gegeben hätte. Das zeigt eine Chronik von Vorfällen seit der Aufstellung des KSK im September 1996.

220 Rassistische Polizeigewalt

Hören Sie heute aus leider seit viel zu vielen Jahren aktuellem Anlass ein Stunde zum Thema „Rassismus und Polizei“. Unter anderem mit KRS-One, Lynton Kwesi Johnson, Sarathy Korwar, Solange, Bob Marley, A Tribe Called Quest, Kamasi Washington, KOP Berlin, Copwatch-Hamburg und Death In Custody. Danke fürs Zuhören.

216 Linkes Buch- und Verlagswesen

Am 28. September 2019 feierte das Hamburger Buchladen-Kollektiv „Buchhandlung im Schanzenviertel“ sein 40jähriges Bestehen.
Die Redaktion 17grad war dabei, hat mitgefeiert, gegessen, getrunken und getanzt. Und sich dann irgendwann gefragt, was denn an diesem Buchladen – außer dass die Feier in der Roten Flora stattfand – überhaupt noch links ist.
Was ist das überhaupt: eine linke Buchhandlung? Und wie steht es um die linken Verlage?
Das Gespräch zwischen Torsten vom Buchladen Osterstraße, Katharina vom Verlag Edition Nautilus und Thomas von der Buchhandlung im Schanzenviertel zu Betriebsstrukturen, Arbeitsalltag, Kompromissen und roten Linien bringt vielleicht Licht ins Dunkel.

214 Rechtsextremismus in der DDR

„Die Deutsche Demokratische Republik hat getreu den Interessen des deutschen Volkes und der internationalen Verpflichtung aller Deutschen auf ihrem Gebiet den deutschen Militarismus und Nazismus ausgerottet […].“ So stand es in der Verfassung der DDR. Doch die Realität des real existierenden Sozialismus war anders.
Hören Sie heute einen Auszug aus dem „Handbuch Deutscher Rechtsextremismus“ und Musik von AG Geige.